„Lagerdenken“ – Symbol einer Epoche?

Diskurs ist mühsam und erfordert Haltung, hohen Ton, langen Atem und die spielerische Lust an Gegensätzen und ihrer Versöhnung“, sagte der Philosoph und Publizist Christian Schüle in einem Interview Mitte Juni dieses Jahres. Unsere Zeit bezeichnete er als eine „geistfeindliche Epoche“, in der sich das Lagerdenken gerade radikalisiert, „Wir haben Differenz, Differenzierung und geistige Noblesse verlernt.“

In vielen nichtöffentlichen und öffentlichen Bereichen spielt „Lagerdenken“ eine bedeutende Rolle in Debatten und bei Meinungsäußerungen. Politisches Lagerdenken in Deutschland kann womöglich auf die Zeit der Parteiengründung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeführt werden. Die traditionelle Einteilung von „Liberalen“ als Linke und von „Konservativen“ als Rechte geht sogar bis auf die Französische Revolution zurück.

Jedes „Lagerdenken“ hat Grenzen, es grenzt immer auch ein und ab. Was sind die Schwächen eines solchen Denkens? Als negative Charakteristiken seien kurz benannt:

  • Lagerdenken fördert im Allgemeinen Polarisierungen – diese wiederum sind meist hochabstrakt –, es führt ferner zu Ab- und Ausgrenzungen, zu einer Fixierung auf Gegensätze und zwanghaften Suche bzw. Konstruktion solcher.
  • Lagerdenken geht meist mit Verallgemeinerungen einher, und dem Verlust von Sensibilität und Differenzierung. Es ist Ausdruck von oder hat eine gefährliche „Simplizität des Denkens“ zur Folge. Insofern ist Lagerdenken auch a-intellektuell.
  • Lagerdenken beruht regelmäßig auf einem übergroßen Bedarf der Selbstvergewisserung, der Angst vor dem anderen, bisher nicht Wahrgenommenen oder Gedachten, dem manchmal „Unvorstellbaren“, dem anderen Menschen.
  • Lagerdenken kann auch Ausdruck mentaler Bequemlichkeit und des Statuserhalts sein.
  • Symptomatisch ist das Autoreferentielle jedes Lagerdenkens als System, das sich in der endlosen Drehung im Gegensätzlichen selbst genügt.
  • Lagerdenken kann Menschen und Gesellschaften erstarren lassen, am Ende im eigenen Denksystem, während die immer neuen Aufbauten vermeintlicher Gegensätze nur noch Bewegung vorgaukeln.
  • Problematisch wird Lagerdenken vor allem dann, wenn es methodisch auf alle Lebenszusammenhänge angewandt wird, wenn es z.B. zur Primärmatrix für das Wahrnehmen, Denken und Beurteilen von Meinungen, Differenzen und Menschen in allen erdenklichen Diskursfeldern wird.
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